März 29, 2008

Ein entfernter Verwandter

"Topeng Masken"Vor vierzig Jahren wanderte Josef Rosarius von Köln nach Indonesien aus. Stefanie Flamm hat ihren Onkel nie gesehen. Jetzt ist sie nach Bali gereist, um ihn kennenzulernen. Wir kennen Jo schon lange, sein Segara Photo Center in Sanur war für viele Jahre das Einzige, das internationalen Ansprüchen genügte, und seit Jahren ist uns Jo auch aus der Arbeit in sozialen Projekten bekannt. Sein Einsatz für die sozialen Schwachen in Bali ist beispielhaft, die zur Illustration dieses Artikels verwendeten Fotos von Jo Rosarius zeigen Bilder von Künstlerinnen der Seniwati Gallerie und sind als Teil seines sozialen Engagements diesem Frauenprojekt gewidmet.

Als wir uns zum ersten Mal sehen, regnet es so heftig, wie es nur in den Tropen regnen kann. Palmen und Frangipanibäume biegen sich unter den Wassermassen. Der Pool, der sich vom Restaurant bis fast an den Strand erstreckt, tritt langsam über den Rand. Josef Rosarius, kleinkariertes Hemd, Anzugshose und Socken in den senffarbenen Slippern, schaut abwechselnd auf sein Smartphone und die Australier, die sich in Badesachen vom Pool ins Restaurant geflüchtet haben. Er sieht älter aus, als ich gedacht hatte, aber auch viel seriöser.

Das Haar und der auf den alten Fotos so verwegen wirkende Kinnbart sind grau und ein bisschen schütter geworden, über seinem Gürtel wölbt sich ein Bäuchlein. Er bestellt sich ein Bier und fragt, ob ich auch eins will. Als ich um einen Saft bitte, schaut er mich an, als wolle er sagen: Das kann ja heiter werden. Und so etwas Ähnliches denke ich auch.

"Women of Two Continents"Josef Rosarius ist mein sprichwörtlicher Onkel in Übersee. Der älteste Cousin meines Vaters, um genau zu sein. Bevor ich ihn letzten Herbst fragte, ob er nicht Lust habe, in einer Geschichte über Aussteiger vorzukommen, wusste er überhaupt nicht, dass es mich gibt. Er schrieb eine verdutzte Mail, in der er mir zu verstehen gab, dass er sich keineswegs als Aussteiger sehe. Er habe Ende der sechziger Jahre, da war er schon ein paar Jahre Kameramann beim Fernsehen, im Rahmen eines Entwicklungshilfeprojektes in der indonesischen Hauptstadt Jakarta ein Fernsehtrainingszentrum aufgebaut. Anschließend hätten sich im Lande »verschiedene Möglichkeiten« ergeben.

Gegen ein Treffen auf Bali, wo er seit Anfang der achtziger Jahre lebt und heute als freier Fotograf arbeitet, hatte er trotzdem nichts einzuwenden. Seit dem Tod seiner Mutter vor 20 Jahren sei aus der Familie ja »kein Aas« mehr bei ihm gewesen. Tante Billa, meine Großmutter, habe sich schon immer zu alt gefühlt für weite Reisen. Hans-Peter, der Bruder, leide unter Flugangst. Die Cousine, meine Tante, fahre lieber nach Italien. »Und deine Eltern sind vor ein paar Jahren auf dem Weg nach Australien einfach über mich hinweggeflogen.« Als meine Großmutter sie fragte, warum sie denn keinen Zwischenstopp bei Vetter Josef eingelegt hätten, sagten sie, dass das Klima dort unten nichts mehr für sie sei. Doch das Klima war wohl nur eine Ausrede.

Der ewige Sommer der Tropen, die weißen Strände, die phosphorgrünen Reisterrassen und das urwaldartige Hinterland, in dem das ganze Jahr über Bananen, Papayas und Kokosnüsse gedeihen, ziehen seit den dreißiger Jahren Weiße in die ehemalige holländische Kolonie.

Ich glaube, dass meine Eltern einfach Bedenken hatten, in das Leben des fremd gewordenen Verwandten hineinzuplatzen, dessen Geschichte die Fantasie unserer durch und durch bürgerlichen Familie nun schon seit 40 Jahren beflügelt. Und was wurde da nicht alles erzählt!

Mal hieß es, der Josef sei in der Fremde Millionär geworden, Eigentümer mehrerer Villen mit Strandblick, Gründer einer balinesischen Drogeriekette und Herr über Hunderte von Angestellten. Mal hieß es, er sei so bankrott, dass er sich nicht einmal mehr einen Flug nach Europa leisten könne. Außerdem, und das ist in den Augen einer katholischen Sippe ja wirklich heikel, soll er bei seiner letzten Hochzeit zum Islam konvertiert sein und seither sein Haupt fünfmal am Tag in Richtung Mekka neigen.

Doch so genau scheint er es mit den Regeln des Propheten nicht mehr zu nehmen. Sein erstes Bier ist nach einer Viertelstunde leer, und ich würde schon gerne fragen, wie sich sein Durst mit seiner Religion vereinbaren lässt. Doch ich traue mich beim ersten Treffen nicht einmal, ihn auf die Frau anzusprechen, für die er den Gott gewechselt hat. Ari soll sie heißen und angeblich im Palast von Yogyakarta, dem kulturellen Zentrum der Insel Java, aufgewachsen sein. Meine Großmutter behauptet allerdings, sie sei keine echte Prinzessin, sondern »nur« die Tochter einer Mätresse. Aber wer weiß? Und geht es mich wirklich etwas an?

Auswanderer werden von den Daheimgebliebenen gerne an ihrem ökonomischen Erfolg gemessen und an dem Status, den sie in der neuen Heimat erlangen. In den Auswandererserien, die im Moment auf den Privaten laufen, geht es ausschließlich um die Frage, ob die Leute in der Fremde schaffen, was ihnen daheim nicht gelang. Doch vielleicht sind es ganz andere Gründe, aus denen einer wie Josef raus wollte aus Deutschland: Abenteuerlust, Pech in der Liebe oder das diffuse Gefühl, dass es überall besser ist als dort, wo man herkommt.

Ohne den Lärm der Frösche hörte man wohl das Meer

Abenteuerlust? Josef schaut wieder auf sein Smartphone. »Ich bin Kriegsgeneration.« Ein Satz, der in diese balinesische Hotelbar passt wie ein Heiratsantrag ins Bordell. Ich schaue auf die Japaner am Nachbartisch, die nun mitsamt ihren Suppen an den Pool wechseln. Die Australier stehen, seit es nicht mehr regnet, mit ihren Cocktails im Wasser. Josef nimmt einen großen Schluck von seinem zweiten Bier. »Deine Generation ist vielleicht abenteuerlustig, wir wollten was machen«, sagt er dann. Das klingt anders, als was bewegen wollen. Die 68er wollten »was bewegen«. Aber Josef war wohl nie ein Linker. Er hat auch nie davon geträumt, die Welt zu verbessern.

»Mein Traum war es immer, Fotograf zu werden.« Nur sein Vater fand das keine gute Idee und steckte seinen ältesten Sohn bei Bekannten in eine Lehre als Kesselschmied. Später wurde Josef dann doch Fotograf, machte eine Zusatzausbildung in Kameratechnik und bekam Anfang der sechziger Jahre gleich eine Anstellung als Kameramann, zuerst beim NDR in Hamburg, dann beim WDR in Köln. »Der Josef hat am Ende immer bekommen, was er wollte«, erinnert sich mein Vater. Und so flott, wie Josef an diesem Nachmittag seine Geschichte erzählt, habe ich auch nicht den Eindruck, dass es Deutschland ihm besonders schwer gemacht hätte. Genau das war wohl sein Problem.

Er streichelt sich den grauen Kinnbart, als überlege er, wie er es nach all der Zeit ausdrücken soll. »Ich glaube, ich passte da irgendwie nicht ins Schema.« Das kleine Wirtschaftswunderleben seiner Eltern – »Kirche, Frühschoppen, Sonntagsbraten« – sei ihm genauso irreal vorgekommen wie das Leben seiner Bohemefreunde in Hamburg und Köln. Die Wirklichkeit, dachte er, sei dort, wo die Dinge Spitz auf Knopf standen, dort, wo es knallte. Also ging er Mitte der sechziger Jahre als freier Kriegsberichterstatter in den Nahen Osten, nach Indochina und 1967 nach Biafra. Was er dort sah, muss schlimmer gewesen sein als alles, was er bis dahin erlebt hatte. »Danach war ich ziemlich von der Rolle, saufen, zocken, diese Sachen. Ich habe mir geschworen: nie mehr Schwarzafrika.« Doch in Deutschland wie die Kollegen aufs Wochenendhäuschen sparen, wollte er jetzt erst recht nicht mehr.

Es ist stockfinster, als wir gegen acht Uhr zum Abendessen in den nächsten Ort aufbrechen, und immer noch so schwül wie in einem Gewächshaus. Würden die Frösche im Straßengraben nicht so einen ohrenbetäubenden Lärm machen, könnte man vielleicht das Meer hören. Sehen kann man es auch bei Tageslicht schon lange nicht mehr. Die Küste zwischen Benoa Beach, wo mein Hotel liegt, und dem vornehmen Nusa Dua, wo Josef und die geheimnisvolle Frau aus dem Palast von Yogyakarta heute leben, reihen die Hotels sich wie ein Sperrgürtel aneinander. »Hinter unserem ersten Haus auf Bali begannen gleich die Reisfelder«, sagt Josef.

1982, nach 14 Jahren beim Fernsehen in Jakarta, hat er es gebaut. Es war die Zeit kurz vor dem großen Bali-Boom. Enorme Investitionen und die internationale Hautevolee machten aus dem Armenhaus Indonesiens langsam die reichste Insel des ganzen Archipels.

Heute muss man einen Checkpoint passieren, wenn man die Hotel- und Resortstadt Nusa Dua betreten will. Bewaffnete Polizisten suchen das Auto nach verstecktem Sprengstoff ab. Diese lästige Prozedur wurde eingeführt, nachdem islamische Terroristen im Oktober 2002 in der weiter nördlich gelegenen Surferhochburg Kuta zwei Diskotheken in die Luft jagten und über 200 Menschen starben.

"Legong Dancers"Auf Bali heißt es, der 12. Oktober sei so etwas wie ein 11. September gewesen. Von einem auf den anderen Tag, sagte Reinhold Jantzen, der deutsche Honorarkonsul, seien die Leichtigkeit und das Gefühl, dass es immer vorangehe, verschwunden. Erst seit zwei Jahren sind die Übernachtungszahlen wieder auf dem Stand von 2002. Und trotzdem sei nichts mehr wie früher, sagt Josef, während er einen Parkplatz sucht. Für ihn jedenfalls nicht.

Die Drogeriekette, von der zu Hause so viel die Rede war und die es, wie ich jetzt erfahre, tatsächlich gab, musste eine Filiale nach der anderen schließen. Zuerst, weil keine Touristen mehr nach Bali kamen, und dann, weil alle Touristen eine Digitalkamera dabeihatten und Josefs Hauptservice, Fotoentwicklung binnen zwei Stunden, nicht mehr gefragt war.

Auch in dem Einkaufszentrum, das er aus mir unerklärlichen Gründen fürs Abendessen ausgewählt hat, hatte er zwei Geschäfte. In dem einen gibt es jetzt regionales Kunsthandwerk zu überteuerten Preisen, in dem anderen Bilderrahmen und Poster. Nebenan: Gucci-Prada, Hilfiger und Restaurants, die eine Mischung aus Fast Food und Fusion anbieten. Aber nichts, wofür man 16 Stunden im Flugzeug sitzen müsste. Josef steuert zielsicher auf ein Lokal zu, das mit indonesischer und deutscher Küche für sich wirbt.

An den anderen Tischen sitzen dicke Männer mit Goldketten um den Hals und Frauen, deren Kleider auch ein paar Nummern größer noch immer knapp wären. Aus dem Lautsprecher plärrt ein kubanischer Gassenhauer. »Guantanamerahhh.« – »Russen«, sagt Josef. »Unsere neuen Stammkunden.« Er mag sie nicht besonders gern, aber lieber als die Chinesen, die Bali vor ein paar Jahren auch entdeckten. Beide hätten keine Manieren, die Russen aber wenigstens Geld. Er lässt sich auf einen Stuhl fallen und reicht mir die Speisekarte. »Ich esse hier immer die Nürnberger Rostbratwürstchen.«

»Du isst Schweinefleisch?«, traue ich mich endlich zu fragen. Er grinst mich an, als habe er auf diese Frage gewartet. »Ich habe der Ari schon vor 30 Jahren gesagt, dass ich ein schlechter Kathole war und aller Voraussicht nach auch ein schlechter Muselmane werde.« Der Glaubenswechsel war wohl vor allem ein symbolischer Akt, mit dem er ihr zeigen wollte, wie ernst es ihm war. Nur würde Josef, der wie viele Männer seines Alters über Gefühle am liebsten in Textbausteinen spricht, das so nie sagen. Auf der Karte, die meine Eltern Ende der siebziger Jahre nach seiner Hochzeit bekamen, hieß es lakonisch: »Das ist Ari, meine dritte und letzte Frau.«

Ich treffe sie ein paar Tage später in ihrem Haus auf den Hügeln über Nusa Dua. Es ist muslimisches Neujahr, ein Staatsfeiertag in Indonesien, was man auf Bali, der einzigen hinduistischen Insel des Landes, aber nicht merkt. Geschäfte und Restaurants sind geöffnet, die Balinesinnen tragen wie jeden Tag Körbe mit Opfergaben zum nächsten Tempel. Auch in Josefs und Aris Haus haben die Angestellten in der Früh Räucherstäbchen abgebrannt und auf dem Hausaltar Schälchen mit Obst und Reis dargebracht, um die bösen Geister zu besänftigen. Es riecht noch nach Weihrauch, als Ari die Tür öffnet.

Ein bisschen zu enthusiastisch lobe ich den Pool im Garten

"Cilli, Goddess of Riches and Fertility"Sie ist ganz in Weiß gekleidet. Ihr Haar verschwindet unter einem Herrenhut, ihr halbes Gesicht unter einer riesigen Sonnenbrille. Wenn sie sich bewegt, klimpert Schmuck an Ohren und Handgelenken. Schlecht scheint es denen aber immer noch nicht zu gehen, denke ich und schäme mich für diesen Daheimgebliebenengedanken gleich so sehr, dass ich den kleinen Swimmingpool im Garten viel zu enthusiastisch lobe. Die Terrassenwände sind mit antiken Ebenholzschnitzereien aus Aris javanischer Heimat verkleidet. Davor liegen dicke Perserteppiche. »Meine Gebetsecke«, sagt Ari stolz. Josef, der die ganze Zeit telefonierend auf und ab gerannt war, verdreht genervt die Augen. Heute scheint nicht sein Tag zu sein.

Am Morgen sollte er in Kuta ein Hotel fotografieren, das ihm überhaupt nicht gefiel, dann wurde wegen des Feiertags kurzfristig sein Rotary-Lunch abgesagt. Er hasst es, wenn er keine Pläne hat. Er sei eben ein Deutscher, sagt Ari. »Ihr müsst ja immer was zu tun haben.« Früher, als junge Frau, sei sie ja genauso gewesen. Da hatten sie noch die 17 Fotoshops und 120 Angestellte. Und weil Josef nebenher noch unbedingt Filme drehen und eigene Fotos machen wollte, musste sie sich ganz allein um die Verwaltung kümmern.

»Ari ist die einzige Indonesierin, die etwas von Buchführung versteht«, hatte Josef vor ein paar Tagen schon behauptet. Aber er hatte auch schon angedeutet, dass sie auf diese Begabung nicht mehr viel gibt. »Ich lebe heute mehr in geistigen Sphären«, sagt sie. Auch die Familie würde ihr im Alter immer wichtiger. Im Treppenaufgang ihres riesigen, dreistöckigen Hauses hängt ein Stammbaum, der sie tatsächlich als Nachfahrin des Palastes von Yogyakarta ausweist, ihre Mutter war eine Tänzerin. Das Bild daneben zeigt sie umringt von all ihren Kindern und Enkeln. Sie nimmt es von der Wand, damit ich es besser bewundern kann.

Die fünf Kinder hat Josef nach dem Tod des leiblichen Vaters adoptiert, weil das indonesische Recht ihm keine andere Wahl ließ. Für die zwölf Enkel fühlt er sich nicht auch noch verantwortlich. »Wenn die sich hier auf den Teppichen zusammenrotten, guck ich, dass ich weg bin«, sagt er und kramt ein Foto hervor, das ihn im Golfdress zeigt: den Schläger über die Schulter gelegt, in der Hand eine Kippe.

Josef und Ari gehören offenbar nicht zu den Paaren, die einander im Alter immer ähnlicher werden, eher zu denen, die ständig sagen: Das mache ich nur für dich. So ist es dann Ari, die vorschlägt, dass wir doch zum Golfclub was essen fahren. Kurz danach lässt Josef den Wagen an.

Auf der Straße verdunsten die Pfützen der letzten Nacht, auf der Gegenfahrbahn kommen uns Schwärme von Mopedfahrern entgegen. In den Hotels an der Küste scheint gerade eine Schicht zu Ende gegangen zu sein. Josef manövriert das Auto souverän durch den Verkehr, der so regellos ist, dass Fremdenverkehrsämter Touristen davon abraten, sich einen Mietwagen zu nehmen. Balinesen, so heißt es, brächten morgens eine Opfergabe dar und dächten dann, dass ihnen nichts mehr passiert. Josef hält das für Gerede. »Die sind einfach rücksichtslos wie Hölle. Und wenn sie dir hinten reingekracht sind, lächeln sie dir dreist ins Gesicht.« Ihn mache das irre.

Ihn scheint vieles irre zu machen, was Touristen auf der Insel begeistert. Das Hinterland, die alte Königsstadt Ubud mit ihren vielen Tempelanlagen findet er unerträglich schwül, der Urwald, der gleich hinter Ubud beginnt, ist ihm nicht Urwald genug, und auf den Reisterrassen stören ihn die Mücken. Hier unten im Süden der Insel gibt er kein Trinkgeld, weil er davon ausgeht, dass das Personal »dich eh bescheißt«. Nicht einmal im Golfclub darf die Kellnerin sein Bier einschenken.

Ari schiebt sich lächelnd die Sonnenbrille unter die Hutkrempe. Deutsche Männer und ihr Bier. Sie hat sich daran gewöhnt. Auch der Direktor des Golfplatzes, ein Neuseeländer mit schlohweißem Haar, der uns alle mit Handschlag begrüßt, klopft Josef anerkennend auf die Schulter. »Nicht nachlassen, Jo!«

Nur ich bin ein wenig perplex. Der Mann, von dem sie zu Hause denken, er sei völlig abgetaucht in eine fremde Kultur, möglicherweise sogar ein religiöser Fanatiker geworden, hat nach 40 Jahren offenbar noch immer Angst vor dem, was in Diplomatenkreisen »Verbuschung« heißt. Dabei ist die Gefahr schon lange nicht mehr gegeben. Die meisten seiner Bekannten, die ich die letzten Tage kennengelernt habe, Kanadier, Neuseeländer, Australier, Spanier – alles Hoteldirektoren, -manager oder Restaurantbesitzer, die sich abends in denselben Bars und Clubs treffen und am Wochenende miteinander Golf spielen.

Seitdem Josef wieder als freier Fotograf arbeitet, sind viele seiner Freunde gleichzeitig seine Auftraggeber. Auch der weißhaarige Golfplatzdirektor möchte nach dem Essen mit ihm über eine neue Corporate Identity des Clubs sprechen. Denn »schöne Orte noch schöner aussehen lassen«, das könne der Jo wirklich gut. Doch musste er deshalb nach Bali kommen?

Wieder eine blöde Daheimgeblie- benenfrage, zugegeben. Denn auch in Deutschland machen die wenigsten Menschen mit 70 das, wovon sie mit 30 geträumt haben. Und es gibt wahrscheinlich viele deutsche Rentner, die Josef um sein elegantes, immer noch ziemlich aktives Oberschichtleben beneiden. Josef weiß das. Er weiß auch, dass er sich dieses Leben in Deutschland nicht leisten könnte.

Er legt großen Wert darauf, dass wir vor meiner Abreise noch das Krankenhaus in der Inselhauptstadt Denpasar besuchen. Denn in den weiß getünchten, völlig überfüllten Krankenzimmern, die größtenteils noch aus holländischer Zeit stammen, ist er noch immer der Entwicklungshelfer, der er einmal war. Sein Rotary Club hat nach den Anschlägen 2002 mit privaten Spendengeldern eine Blutbank aufgebaut, außerdem werden hier Kinder mit Hasenscharten auf Rotarier-Kosten operiert. Josef kennt die meisten mit Namen. Die Mütter verneigen sich vor ihm.

»Irgendetwas muss man ja zurückgeben«, sagt er auf dem Rückweg. Da ist es schon kurz nach fünf am Nachmittag, und Josef wirkt für seine Verhältnisse fast sentimental. Er spricht nun zum ersten Mal von sich aus über Deutschland, über seine Großeltern, meine Urgroßeltern, die er offenbar sehr geliebt hat, über seine Mutter, die er immer noch Mama nennt, und auch über seine beiden ersten Frauen.

»Weißt du, was das Einzige ist, das ich hier all die Jahre wirklich vermisst habe?«, fragt er, als wir uns der dämmrigen Bucht von Nusa Dua nähern. »Weihnachten.« Ausgerechnet, denke ich. Dann stelle ich mir vor, dass es vielleicht schön wäre, wenn er uns an Weihnachten besuchen würde, jetzt, da er kein ganz so fremder Onkel mehr ist. Hätte er Lust? »Ne, bei euch liegt am Heiligen Abend doch auch kein Schnee mehr«, sagt er und tritt aufs Gas.

Quelle: Die Zeit

INFORMATION

Anreise: Malaysia Airlines, Qatar Airways, Singapore Airlines, Thai International und Qantas fliegen mehrmals wöchentlich von Frankfurt am Main nach Denpasar. Mehr Fluginfo

Einreise: EU-Bürger benötigen einen mindestens noch sechs Monate gültigen Reisepass plus Rückflugticket und erhalten ihr Visum bei der Einreise am Flughafen: Für einen Aufenthalt bis zu sieben Tagen kostet es zirka 7, bis zu 30 Tagen 17 Euro. Mehr Visa Informationen

Kontakt: Jo Rosarius

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