Dezember 30, 2007

Besucher und Elefanten

Viele schwärmen vom Elefantenpark in Bali. Wir selber haben da unsere Zweifel, aber heute wollen wir gar nicht von den lebenden Elefanten reden und auch nicht wirklich von der berühmten Goa Gajah Elefantenhöhle in der Nähe von Ubud.

Die Zeit der Jahreswende ist ja bekannt als Zeit der Besinnung - und da passen die Beobachtungen von Franz Lerchenmüller gut. Er bericht von seinen Erlebnissen in dieser nach dem Elefantengott Ganesha benannten Tempelanlage in der Nähe von Ubud:


Es ist vorbei mit der Ruhe, in der stillen Tempelanlage von Gianyar hier auf Bali. Ein Bus fährt auf der Straße vor, eine Gruppe deutscher Touristen strömt durch das gespaltene Eingangstor. Die Leute schwärmen zunächst aus, sammeln sich dann aber nach kurzer Zeit um ihren einheimischen Führer. Der junge Mann spricht ausgezeichnet Deutsch und erklärt der Gruppe geduldig die Anlage, die verschiedenen Götter und ihre, sagen wir, "Zuständigkeitsbereiche". Da stehen die reich verzierten Tempelhäuschen von Brahma, dem Schöpfer, Vishnu dem Bewahrer und Shiva dem Zerstörer, den drei höchsten der hinduistischen Gottheiten. Dewi Sri, die Reisgöttin, und Dewi Danu, die Göttin des Wassers, haben eigene Pagoden. Da sind steinerne Reliefs von Ganesh, dem Gott mit dem Elefantenrüssel, und von Garuda, dem Himmelsvogel. Da gibt es Schreine für die Ahnen und Statuen von Dämonen - und ihnen allen muss geopfert werden, denn die guten Götter wie die bösen Geister wollen besänftigt sein.

Die Touristen hören dem Mann aus Bali aufmerksam zu - bis auf einen, der fällt den anderen schon die ganze Zeit auf den Nerv. Klein und blond und dick ist er, Mitte 30, und ganz rot und verschwitzt im Gesicht. Schon eingangs, als er sich einen Schal um die Hüfte binden sollte, hatte er irgendwas von "Faschingsmaskerade" getönt. Jetzt trampelt er zwischen den Schreinen ungeniert über Blumen und Reiskörner, die als Opfergaben daliegen, und dauernd läuft seine Videokamera: Priester in Tracht. Frauen, die Pyramiden aus Obst auf den Köpfen tragen. Alte Männer, die am Eingang sitzen. Niemand entkommt ihm, niemanden fragt er um Erlaubnis.

Elefantengott GaneshaJetzt wendet er sich dem Reiseführer zu. Er hat dessen letzte Sätze noch verstanden, klopft ihm gönnerhaft auf die Schulter und sagt: "Na, Meister, wie viele solcher Götzen habt ihr denn, so alles in allem?" "Es sind viele Götter", sagt der Balinese ernst. "Na, das ist ja prima", lacht der Blonde. "So 'ne Art Rundumversicherung. Für jede Lebenslage die passende Vorsorge. Aber klappt das denn auch immer? Funktionieren die Überirdischen bei euch immer so, wie sie sollen?"

Die Wangenknochen des Reiseführers zucken, aber er antwortet ruhig: "Im Allgemeinen sind wir zufrieden. Es gibt allerdings Schicksalsschläge, gegen die sie uns auch nicht beschützen können." "Ach", sagt der Blonde. "Und das wären?" "Gegen Besucher, die wie ein Elefant durch die Seelen unserer Leute stampfen - gegen die sind selbst die Götter machtlos", sagt der Indonesier - und lächelt kein bisschen.

Quelle: Hamburger Abendblatt vom 29. Dezember

1 Kommentar:

Matthias Brömmelhaus hat gesagt…

Schöne Geschichte! Nur würden die meisten Balinesen derartiges Verhalten von Westlern wohl eher schweigend ertragen, als ihre Meinung zu sagen.

Euch ein gutes, friedfertiges und fröhliches Jahr 2008!

See you in 14 days!!!