November 26, 2005

Im Schilder-Dschungel von Bali

Kürzlich traf ich wieder mal den Schweizer Donald W. Neuburger alias DMatto in Ubud - zusammen mit dem ebenfalls in Bali lebenden Wiener Maler Wolfgang Widmoser schwärmten sie von Donalds neuestem Werk, einem Führer ganz anderen Art: «Bali. Jungle of Signs».

Ich hatte schon vor einiger Zeit das Vergnügen Donalds Werk in einer von Ubuds Galerien zu bewundern, aber was er jetzt pries scheint noch mehr Augenweide und Denkanstoss zu sein als die Kartensammlung im Display in einer früheren Ausstellung in Ubud - Comics von grosser Intensität.

In seinem ersten Buch hat Donald die wild spriessende Strassengrafik auf der indonesischen Insel in ein Buch gepackt – und versprach mir bald ein Ansichtsexemplar vorbei zu bringen - was leider bis heute nicht passiert ist. Stattdessen fand ich heute mehr über das Buch im St. Galler Tagblatt, der Heimatstadt Donalds.

«Insel der Götter» wird sie genannt, oder auch «Insel der tausend Tempel». Die meisten der vier Millionen Touristen, die jährlich nach Bali reisen, suchen Erholung an den Stränden, besichtigen religiöse und kulturelle Sehenswürdigkeiten und staunen über Reisterrassen oder Vulkane. Und wenn sie an Dschungel denken, dann gewiss nicht an den urbanen. Der allerdings breitet sich, gerade auch wegen des boomenden Tourismus, auf der von drei Millionen Leuten bevölkerten Insel unaufhaltsam aus. Wie eine noch vor wenigen Jahrzehnte abgeschottete und von ländlichen Strukturen geprägte Gegend im Sog der Globalisierung verändert wird, lässt sich im Bilderbuch des St. Galler Bali-Einwanderers Donald W. Neuburger alias DMatto anschaulich erleben. Es dokumentiert, in einer packenden Aufmachung, die an Untergrund-Kunst- oder Pop-Bücher erinnert, das verblüffende Chaos der grafischen Gestaltung im öffentlichen Raum Balis in jenem Moment, da die alten Schilder von Computergrafik-Produkten abgelöst werden und internationale Konzerne mit ihrer Corporate Identity auf die Insel drängen.

Lebende Aale, falsche Zähne
«Bali überwältigt meine Sinne, meine Nase, meine Ohren, aber vor allem meine Augen», schreibt der Autor (auf Englisch) in seinem Buch. Für den westlichen Augenmenschen ist es die Zeichensprache, die «seine Sinne in Brand setzt» – der «Dschungel der Zeichen». Was auch immer anzubieten ist, wird mit von Hand gemalten Bildern und Schriften aufs Strassenschild gepackt, möglichst drastisch: lebende Aale, falsche Zähne oder am Spiess gebratene Schweine; Autoreparaturen, Schmuck, Massagen oder Operationen. Es ist das unverfälschte Leben, das sich hier manifestiert und ohne Verfeinerungscodes vom täglichen Existenzkampf Tausender Kleinstunternehmer erzählt. Wo ein Fehler passiert, wie «Cool Dring» statt «Drink», wird einfach durchgestrichen oder überschrieben. Das einmal gehängte Schild wird in der Regel nicht mehr ersetzt. Und schon gar nicht verkauft: Seinen Favoriten konnte DMatto auch mit Tausenden Dollars nicht kaufen. «Für die abergläubischen Bali hiesse das die Geschichte des Ladens zu verkaufen und mit dem Schicksal zu spielen.» Demgegenüber steht die standardisierte Werbung einer ausländischen Zigarettenmarke mit einem Slalomskifahrer – absurd in einem Land, in dem 99,9 Prozent der Menschen nie Schnee sehen werden. Fehlerhaft, aber unmissverständlich besagt ein Graffiti, was viele Einheimische von der Invasion von McDonald's & Co. halten: «Fuck major lebles, wee don't need you.»

200 Nasen mit Flügeln
Neuburger weiss als Pendler zwischen den Welten, was auf dem Spiel steht; sein Buch werde «leider bald ein historisches Zeitdokument sein; ein kleines Beispiel, wie sich die Globalisierung auf das Leben des einfachen Mannes einer abgelegenen Insel auswirkt.» Der 1955 als Sohn eines Textilunternehmers geborene St. Galler, der nach der Matur in Zürich auf dem Studienweg zum Tierarzt war und hernach als Reiseleiter, Schmuck- und Modedesigner, Konzepter, Fotograf und Grafiker durch die Welt tingelte, blieb 2002 mit dem Auftrag einer Werbeagentur für die Firma Nasonex in Bali hängen, bei 200 Nasen- und Ohrenärzten eine Skulptur zu platzieren – eine von ihm gestaltete bronzene Nase mit Flügeln, «ein ziemlich lächerliches Ding», grinst er. Doch es eröffnete ihm eine neue Welt; und wartend auf die fertigen Stücke begann er Schilder zu fotografieren, mit der Zeit wie ein Besessener. Zuvor hatte er sechs Jahre lang den «Alpenhof» oberhalb Oberegg gehütet; eine Schweizer Idylle am Rande, die dem Autodidakten und Lebenskünstler zusagt. Unter den Profikünstlern, die dort nachfolgten, verstand er sich vor allem mit einem – Peter Mettler, Regisseur u.a. des «Bali-Films». Ein Zufall, der keiner sein kann; jedenfalls für Bali-Reisende nicht.

D.Matto: «Bali. Jungle of Signs». Bis Publishers, Amsterdam. Vertrieb Schweiz: Gingko Press Hamburg. 224 Seiten, 680 Fotos. 69 Franken.

Marcel Elsener für das St. Galler Tagblatt

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