Oktober 04, 2005

Fast schon normal

Schreckensnachrichten aus Bali bekommen leider langsam den bitteren Beigeschmack der Routine. Alles nicht so schlimm wie beim letzten Mal heisst es allenthalben. Laut vorläufiger Bilanz wurden nach Polizeiangaben bei den Bombenanschlägen am letzten Wochenende 26 Menschen getötet und mindestens 122 verletzt, darunter auch zwei Deutsche.

Auch wenn nach deutschen Massstäben in der grössten Klinik Sanglah in Balis Provinzhauptstadt Denpasar auch diesmal wieder Chaos herrschte, so haben doch auch in dieser Hinsicht die Balinesen viel gelernt - und wer sich an die Bilder aus New Orleans erinnert kann nur mit Bewunderung registrieren, das vom Zusammenbruch von Recht und Ordnung nach dieser fürchterlichen Attacke keine Spur war und wie schnell und umsichtig diesmal die Indonesische Polizei nach den Bomben reagierte.

Ja, das Leben geht in weiten Bereichen weiter, als wäre nichts geschehen. Von einer Massenflucht von der Insel wie vor drei Jahren kann keine Rede sein, viele Urlauber wollen sogar demonstrativ bleiben um Bali in dieser schweren Zeit damit zu unterstützen. So wollen z.B. nur die wenigsten Schweizer Touristen nach den Anschlägen auf ihre Bali-Reise verzichten. Bei Kuoni haben 8 von 100 ihre Reise umgebucht, von den derzeit 118 Gästen auf Bali wollen nur zwei vorzeitig nach Hause. Ähnliches melden Hotelplan und Tui Suisse. Und das obwohl Touristen, die bis kommenden Freitag auf die indonesische Insel fliegen wollten ihre Ferien bei den Schweizer Reiseveranstaltern kostenlos umbuchen können.

Dennoch bleibt natürlich ein mulmiges Gefühl: «Das Leben geht hier schon wieder seinen normalen Gang – aber du weisst einfach nicht, ob es nicht wieder passiert», sagte die Australierin Sue King, die nun schon den zweiten Anschlag auf Bali erlebt hat und sich bis zu ihrer vorzweitigen Abreise nur noch in ihrem Hotel aufhalten will. Da dürften Touristen nach wie vor auch sicher sein, und wie ironisch das klingen mag: gerade jetzt nach Anfang des Fastenmonats Ramadan. Bisher ist weltweit kein Fall bekannt, wo die die islamischen Terroristen in diesem für sie heiligen Monat zuschlugen.

Und danach wird vom Paradies in Bali noch ein Stück weniger übrig sein, noch mehr Kontrollen und Überwachung, aber auch wohl ein bisschen mehr Sicherheit. Doch das unbeschwerte Leben wird auch auf Bali wohl für immer vorbei sein, auf alle Fälle wohl solange die Amerikaner im Irak stehen und deshalb selbst solch aberwitzigen Brutalität wie in Bali auf eine gewisse Sympathie bei den normalen Bürgern und insbesondere bei Muslimen stößt.
© Jason Childs/Getty Images
Balis Hindus haben diese offensichtlich nicht (mehr) und ihr Haß auf die Terroristen könnte sich diesmal noch ganz anders als nur in T-shirts bemerkbar machen. Jochen Buchsteiner gibt in der heutigen FAZ eine Stimme aus Bali wieder, in der sich eine Trendwende andeuten könnte. Es sei "Zeit, die Grausamkeit zu rächen" wird eine balinesische Hausfrau zitiert. Wir vertrauen darauf, das auch diesmal die mentale Stärke der Balinesen solche kurzfristigen Rachegelüste besiegen wird - mehr davon in 10 Tagen, den jetzt sind wir in Bali erstmal beim Feiern: Galunggan und Kunnigan. Und wie Gede Bang Buruan Manuaba, einer der häöchsten Priesters Balis heute AFP sagte gehört dazu die Suche nach Frieden, die den Wunsch nach Rache besiegen wird. Erst nach diesen Feiern wird sich wohl zeigen, wie die Balinesen wirklich denken.

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