März 11, 2005

Ein Tag des Schweigens - eine Nacht ohne Licht

Am heutigen Neujahrsfest ist auf Bali wieder Ausgangssperre. Mit dem "Tag des Schweigens" sollen die bösen Geister verwirrt werden. Im letzten Jahr schrieb die Berliner Zeitung aus diesem Anlass:

DENPASAR, 22. März. Am Sonntag war totale Ausgangssperre über Bali verhängt. Die Balinesen mussten in ihren Häusern bleiben. Touristen durften die Hotels nicht verlassen. Kein Auto, kein Taxi, kein Bus fuhr. Der Flugverkehr war eingestellt. Sonntag, der 21. März, war nach dem Saka-Mondkalender der balinesische Neujahrstag Nyepi, und dieser wird nach altem Brauch mit Schweigen, ohne Arbeit und ohne Licht verbracht. In den Tagen vor dem Neujahrsfest vertreiben die hinduistischen Balinesen mit religiösen Zeremonien die bösen Geister von der Insel. Damit die Dämonen glauben, die Götterinsel sei gespenstisch leer und so die Lust an der Rückkehr verlieren, ist Nyepi zum "Tag des Schweigens" erklärt worden.

Mogeln geht nicht. Darüber wacht die Religionspolizei Pecalang in ihren schwarz-weiß-karierten Sarongs. "Die schneiden jedem die Kehle durch, den sie an Nyepi auf der Straße antreffen", versichert der Australier Russell Moffet, Inhaber einer kleinen Pension in Legian. "Die Pecalang sind an Nyepi das Gesetz und im Rest des Jahres eine Mafia, die unter anderem Schutzgelder erpresst." Dem Nepp gehen die Pecalang leider nicht an den Kragen. In so manchen Hotels wie der exklusiven "Villa Lumbung" verschwanden pünktlich zu Nyepi die Speisekarten und den eingesperrten Gäste blieb die Wahl, sich mit Erdnüssen aus der Minibar oder von überteuerten Buffets zu ernähren.

Die zahlreichen religiösen Feste Balis haben ihren Ursprung in der Geisteswelt und der Mythologie des Hinduismus sowie uralter Naturreligionen. Die Termine richten sich vor allem nach den Mondphasen. Der lunare Kalender basiert auf einer Grundeinteilung des Jahres in 30 Wochen mit je sieben Tagen. Das Balinesische Jahr zählt also insgesamt nur 210 Tage. Nyepi beginnt mit dem zehnten lunaren Monat, der nach dem gregorianischen Kalender gewöhnlich auf Ende März oder Anfang April fällt. So feierte Bali nach westlicher Zeitrechung mit dem Nyepi 2004 den Beginn des Saka-Jahres 1926.

Einer der Höhepunkte der Feierlichkeiten in den drei Tagen vor Nyepi ist die Opferzeremonie Tawur Kesanga. Überall auf der Insel kommen die Balinesen in ihren farbenprächtigen Sarongs zusammen und bringen Blumen, Früchte, Tempotücher, Hühner, Chilisaucenflaschen, Reis, den mächtigsten Bullen oder was sonst gerade zur Hand ist als Opfer dar. Damit sollen Mikrokosmos und Makrokosmos ins Gleichgewicht gebracht werden.

Die zentrale Tawur-Kesanga-Feier findet in Balis Hauptstadt Denpasar statt. Eigentlich darf man ohne Sarong nicht an den Feierlichkeiten teilnehmen. Die Balinesen nehmen aber auch Ausländer in Shorts und T-Shirt mit freundlichem Lächeln auf. Heru, Englischlehrer in Balis Hauptstadt Denpasar, rät, unbedingt im nächsten Jahr wiederzukommen. Dann gebe es wieder eine Ogoh-Ogoh-Parade am Tag vor Nyepi. Die Ogoh-Ogohs seien fantasievoll gestaltete und prächtig verzierte riesige Monsterfiguren, die mit viel Lärm auf Bambusstangen durch die Städte getragen und am Ende des Umzugs verbrannt würden. In diesem Jahr aber habe die Regierung in Jakarta wegen der bevorstehenden Wahlen zum indonesischen Parlament am 5. April aus Sicherheitsgründen diese karnevalsartige Geisteraustreibung verboten. "Wir Hindus sind damit einverstanden", betont Heru, "wir haben ja hier erlebt, was Bomben anrichten können."

Zu den Dämonen, die ausgetrieben werden müssen, zählt das sich ausbreitende Denguefieber ebenso wie der Drogenmissbrauch unter balinesischen Jugendlichen und die zunehmenden Umweltprobleme, aber auch die vielen Pädophilen aus westlichen Ländern, die Bali heimsuchen. Genügend böse Geister also zum Vertreiben. Und Grund genug, den Balinesen auf Indonesisch ein gutes neues Jahr zu wünschen: Selamat Hari Raya Nyepi Tahunh Baru Caka 1926.

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