Oktober 12, 2001

Ubud ist das Kulturzentrum

Vom stampfenden Rhythmus der Discos von Kuta ist es nur eine Stunde Autofahrt bis zum exotischen Klang der Gamelanorchester in Ubud, dem kulturellen Zentrum Balis. Inmitten von Reisterrassen etwa 200 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, ist das Klima dort angenehm kühler als in den Küstenregionen. Die Ubuder sind in ganz Bali bekannt für ihr ausgeprägtes Traditionsbewußtsein und weithin angesehen für Tanz , Malerei und Kunsthandwerk. Aus allen Erdteilen zog dieses Örtchen schon in den zwanziger Jahren Künstler, Interlektuelle, Schriftsteller und Maler an. Einige hat dieser Bann nie wieder losgelassen.

Die Magie des Platzes müssen schon im 9. Jahrhundert der Hindupriester Sri Marhandaya und seine Pilger gespürt haben, die sich hier niederließen. Ubad (Medizin) nannte der Priester den Ort, weil hier außergewöhnlich viel Heilpflanzen wuchsen. Ein fast undurchdringlicher Dschungel umgab die Lichtung, auf der die Hindus ihr Dorf errichteten; der Urwald bewahrte die Siedlung lange vor äußeren Einflüssen. Erst im späten 18. Jahrhundert wurde Ubud dem Königreich Gianyar zugeschlagen, das zehn Kilometer östlich seinen Sitz hatte, und 100 Jahre später ließ sich der Fürst Cokorde Sukawati in dem Ort nieder. Ihm verdankt das Dorf seinen Ruf als Künstlerkolonie. Cokorde -Sukawati und später sein Sohn Cokorde Gede Raka Sukawati fördeten die schönen Künste: Bildhauerei, Malerei, Schnitzerei, Musik und Tanz. Einer der bekanntesten Künstler war der Bildhauer und Maler I Gusti Nyoman Lempad aus Bedulu, der unter dem Schutz der Fürsten in Ubud eine neue Heimat und künstlerische Entfaltungsmöglichkeiten fand. 1978 starb er im Alter von 116 Jahren. Das Lempad-Haus an der Hauptstraße stellt seine Werke aus, Zeugnisse seiner Steinmetzkunst sind am Kopfende des Lotusteiches auch die Tore und der Eingang des Palastes (Puri) Saraswati, der zum Hotel umgestaltet wurde.

Wirkliche Veränderungen für Südbali und damit auch für Ubud brachten die Jahre ab 1908. Nach den Selbstmorden der Königshäuser Gianyars, Klungkungs und Badungs übernahmen die Holländer die politische Macht und bauten die Infrastruktur der Insel aus. Es entstanden Systeme zur Wasserversorgung und Autostraßen, auf denen in den zwanziger Jahren die ersten Touristen nach Ubud kamen. Im Jahr 1927 lud der Cokorde den deutschen Maler und Musiker Walter Spies ein, der in Yogyakarta als Kapellmeister arbeitete. Wo heute das Tjampuan Hotel steht, baute der Künstler auf geschenktem Land an der Campuan-Schlucht ein Haus und legte damit den Grundstein für die Künstlerkolonie. Die ständige Anwesenheit des charmanten, weltgewandten Walter Spies lockte bald andere westliche Künstler und Interlektuelle an, darunter den holländischen Maler Rudolf Bonnet, den mexikanischen Karikaturist und Ethnographen Miquel Covarrubias und seine Frau Rose, den Musiker Collin McPhee und die deutsch-amerikanische Schriftstellerin Vicky Baum. Sie alle arbeiteten über Bali, es entstanden Bücher, Bilder, Filme und Musik, die die Insel in aller Welt bekanntgemacht haben. Spies und Bonnet beeinflußten die balinesische Malerei grundlegend: Die traditionelle balinesische Malkunst stellte bis Dahin streng regelhaft zweidimensionale und comicstrip-artige Szenen aus der Götterwelt dar; erst die beiden europäischen Maler erschlossen den Balinesen die dritte Dimension und damit räumliche Tiefe sowie Licht und Schatten. Auch weltliche Motive hielten jetzt Einzug in die traditionelle Malerei. Fachleute nennen Walter Spies den größten Tropenmaler neben Gaugin. Anders als der auf Tahiti arbeitende Franzose war Spies jedoch kein Zivilisationsflüchlicng. 1936 rief der gebürtige Deutsche zusammen mit I Gusti Nyoman Lempad, Rudolf Bonnet und Cokorde Gede Agung Sukawati die Künstlervereinigung Pita Moha ins Leben, um balinesische Kunst weltweit bekannt zu machen und zu vermarkten.

Doch der Zweite Weltkrieg machte ihnen bald einen Strich durch die Rechnung. Die Besatzung Balis durch die Japaner beendete 1942 fast schlagartig alle künstlerischen Aktivitäten und den gerade begonnen Tourismus. Der von den holländischen Kolonialbehörden internierte Spies fand im gleichen Jahr den Tod, als sein Gefangenenschiff auf dem Weg nach Ceylon von einem japanischen Flugzeug bombardiert und versenkt wurde. Zwei Jahrzehnte dauerte es, bis die Malerei in Ubud einen neuen Aufschwung nahm: Mit der Gründung der School of Young Artists im Dörfchen Penestanan setzte der Holländer Arie Smit ab 1960 die Spies-Bonnet-Tradition fort und arbeitete eng mit balinesischen Künstlern zusammen. Manche der in diesen Jahren eingereisten Künstlern wie der holländische Maler Han Snel und der exotische Philippino-Amerikaner Antonio Blanco - auch der "Dali von Bali" genannt - leben noch in Ubud, ohne die balinesische Malerei jedoch beeinflußt zu haben. Unzählige Galerien mit Gemälden aller erdenklichen Stile säumen Ubuds Hauptstraßen. Verkauft sich ein Motiv besonders gut, wird es immer wieder kopiert und von einem Künstler signiert- obwohl es in der Regel von einer Malergruppe hergestellt wird: einer grundiert, der nächste zeichnet Menschen, ein Dritter Reisfelder. Diese Art der Kooperation entspricht zwar nicht der westlichen Vorstellungvon Kunst, jedoch ist die jahrhundertealte und bewährte Gemeinschaftsarbeit in der balinesischen Tradition tief verwurzeltet. Zu dieser überlieferten Lebensweise gehören auch Großfamilien, das gemeinsame Arbeiten auf Reisfeldern sowie eine aussgefeihlte Basisdemokratie: Dörfliche Belange werden gleichberechtigt in den Banyars entschieden. Da Balis soziales Netz untrennbar mit dem religiösen verwoben ist, wird in diesem Gemeinderat sowohl besschlossen, ob die nicht funktionierende staatliche Wasserleitung durch eine vom Dorf finanzierte Pumpe ersetzt werden soll, als auch das Programm des bevohrstehenden Tempelfestes festgelegt oder bestimmt, wer beim nächsten Tempelbau bestimmte Arbeitsleistungen erbringen muß. Nachbarschaftshilfe ist ebenfalls selbstverstverständlich, zumal alle Dorfbewohner um sechs Ecken miteinander verwandt sind. Zwar verfügen die meisten balinesishen Dörfer (Desa) mittlerweile über eine eigenen Wasserversorgung, aber die gemeinsamen Bade- und Waschplätze am Fluß haben ihre Attraktivität nicht verloren- als Umschlagplätze für Informationen sowie Klatsch und Tratsch für Frauen und für Männer. Eine andere Nachrichtenbörse sind die Tempelfeste, an denen jedes Dorfmitglied teilnimmt. Besuchern erscheint das Verhalten der festlich herausgeputzten Tempelbesuchern respektlos: Vor allem in den beiden ersten Vorhöfen wird gelacht und diskutiert, Mädchen flanieren Hand in Hand und zeigen sich so den potentiellen Freiern, Kinder zerren nörgelnd am Sarong endlos palavernder Väter, der Süßigkeitenstand vor dem Tempel hat Hochkonjunktur. Doch Tempelfeste sind natürlich eine ernste Angelegenheit, denn an diesen im Bali-Kalender festgelgten Tagen kommen die Götter vom Himmel herunter in die Tempel. Balinesen glauben, daß sie sich in speziellen Schreinen niederlassen und dort die Ehrungen der Gläubigen entgegennehmen. Darum werden an Festtagen die sonst eher verlassenen Tempelanlagen prachtvoll geschmückt. Die Pavillions füllen sich dann mit kunstvoll zusammengesteckten Opfertürmen aus Reisplätzchen, Obst, gebratenen Hühnern und Kuchen in den schreiensten Farben. Ohne Unterlaß balancieren Frauen und Mädchen Opfertürme auf dem Kopf in den Tempel. Der Priester segnet die festlich gekleideten Gläubigen mit heiligem Wasser, und man betet gemeinsam, wobei die Essenz der Opfer zu den Göttern aufsteigt. Die dadurch ihrer spirituellen Kraft beraubten Opfertürme werden anschließend wieder nach Hause gebracht und gegessen. Balinesischer Sinn für Pragmatismus. Eine zentrale Rolle bei den Festen spielt das Gamelanorchester, fast jede Dorfgemeinschaft besitzt mindestens eines dieser Ensembles mit jeweils 30 bis 50 Instrumenten. Die Musiker sind schon als Kinder mit der Musik vertraut gemacht worden, aber keine Profis. Melodieführend sind die Gender und das Reong, der Gong. Gender sind Metallophone aus schwebend aufgehängten Bronzestäben über Resonanzkörpern aus Bambusrohren. Weitere Orchesterinstrumente können die Spaltflöte, eine zweiseitige Geige (Rebab), das Xylophon (Gambang) sowie weitere Gongs und Trommeln sein. Die nach dem Fünftonsystem gespielte Gamelanmusik klingt in europäischen Ohren fremd. Es gibt keine Melodie und kein Soli, sondern die Musiker erzeugen einen Klangteppich, der Tänze und Zeremonien untermalt.

Auf den ersten Blick scheint Ubud sein dörfliches Gewand abgestreift zu haben. Läden, Galerien, Restaurants, Hotels, Wechslstuben und Losmen lösen einander an der Hauptstraße der Jl. Monkey Forest bis zum heiligen Affenwald ab. Wenige Schritte abseits beginnt in den Seitengassen aber die dörfliche Idylle. Nicht einsehbare Familiengehöfte werden dort von Hunden undefinierbarer Rassenmischungen bewacht, stets kläffenden Vierbeinern, die auf Bali allgegenwärtig sind. Nach 100 Metern durchs wütende Gebell hat man aber meistens schon das letzte Gehöft hinter sich gelassen und befindet sich inmitten von Reisterrassen, die zu Wanderungen einladen. Ubud ist ein idealer Stützpunkt für geschichtlich und kunsthandwerlich Interessierte, denn in der Umgebung liegen berühmte Zeugnisse balinesischer Frühgeschichte. In Tagesausflügen lassen sie sich motorisiert oder zu Fuß ausgezeichnet erforschen. Die nur zwei Kilometer entfernte Goa Gajah (Elefantenhöhle) ist eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Insel. 1923 entdeckte man die T-förmige Grotte, die im 11. Jahrhundert als Meditations- und Lebensraum gedient haben soll. Beeindruckend ist der Eingang: Die Felsenwand ist in Form eines Fabelwesens behauen, durch dessen Maul man die Grotte betritt. Im Innern befinden sich 15 Nischen mit Steinbänken, die als Schlafstätten gedient haben. Am Kopfende steht ein vierarmiger Ganesha (Gott mit Elefantenkopf) mit drei Linggas (Phalussymbole), jeder wiederum von acht kleineren Linggas umgeben. Erst 1954 entdeckte man direkt vor Goa Gajah drei Bassins, die von mehreren Wasserspendern in Form himmlischer Nymphen versorgt werden. Das mittlere Becken ist heilig, während das linke den Frauen und das rechte den Männern zum Waschen dient. Yeh Puluh, etwas abseits der Hauptstraße wenige Kilometer in Richtung Bedulu gelegen, ist ein zwei Meter hohes und 27 Meter langes Steinrelief aus dem 13. bis 14. Jahrhundert. Der Fries stellt in Lebensgröße Menschen bei verschiedenen Tätigkeiten dar. Bis heute konnte nicht erforscht werden, wie das Relief entstanden ist und welche Geschichte es erzählt. Der Überlieferung zufolge hat es der Riese Kebo Iwo mit dem Nagel seines kleinen Fingers aus dem Felsen herausgekratzt. Ein weiteres Rätsel wartet im naheglegenen Örtchen Pejeng auf seine Lösung. In einem Schrein des Tempels Pura Panataran Jasih befindet sich die berühmte Bronzetrommel Ao, auch "Mond von Pejeng" genannt. Das etwa 1,80 lange Musikinstrument hat einen Surchmesser von 1,60 Meter und ist mit geometrischen Mustern, Sternen und Köpfen verziert. Man vermutet, daß der von Grünspan bedeckte Kesselgong aus der Bronzezeit stammt. Ähnliche Trommeln hat man auch in China gefunden, auf Bali existiert nichts Vergleichbares. Die Balinesen bieten gleich zwei Ursprungstheorien an: Die erste besagt, der Riese Kebo Iwo habe diesen Gong als Ohrschmuck getragen und irgendwann verloren. Originell ist die andere Geschichte: Vor langer Zeit fiel einer der 13 Monde vom Himmel. Seitdem gibt es nur noch 12 - einen für jeden Monat. Der Mond verfing sich in einem Baum und störte mit seinem hellen Licht Einbrecher. Einer der Diebe kletterte deshalb auf den Baum und urinierte auf den Mond, woraufhin dieser erlosch und grün wurde. Durch das plötzliche Abkühlen entstan ein - noch heute vorhandener - Riß in der Trommel. Der Dieb starb auf der Stelle. Einers der am schönsten gelegenen Kulturdenkmäler Balis sind die Candis von Gunung Kawi (Berg der Poeten) bei Tampaksiring etwa 15 Kilometer nördlich von Ubud. Die zehn Gedenkmonumente sind vor fast 1000 Jahren aus dem Felsen herausgeschlagen worden, sie erinnern an den gottähnlichen König Anak Wungsa, seine Frauen und Konkubinen. Neben den Candis befindet sich eine in den Fels geschlagenen geräumige Wohnanlage mit Hof, die früher als Mönchsunterkunft gedient haben soll. In dem vom schmalen Fluß Pakrisan durchschlängelten Tal kann man stundenlang durch Reisterrassen wandern. Tampaksiring gilt als Zentrum für Schnitzereien aus Knochen, Horn und Elfenbein. Nördlich des Ortes befindet sich eine der heiligsten Quellen Balis: Tirta Empul. laut einer Inschrift wurde der Komplex im Jahre 962 als heiliger Badeplatz erbaut. Wer sich für Kunsthandwerk interessiert, kann sich schon während der Anreise von Denpasar einen guten Überblick über die wichtigsten Erzeugnisse balinesischer Kunstfertigkeit verschaffen.

Auf der 20 Kilometer langen Strecke nach Ubud durchfährt man die Orte Batubulan, Celuk und Mas, jeder für sich ein Zentrum für unterschiedliches Handwerk. In Batubulan ist die balinesische Steinmetzkunst zu Hause. Links und rechts der Hauptstraßen reihen sich Steinskulpturen in allen Größen: Dämonen und Götter, Rangdas und Shivas, Ganeshas, Rama und Sitas. Die Bildhauer arbeiten mit einfachsten Werkzeugen an den relativ weichen Steinblöcken. Mittlerweile verschicken die Steinmetze ihre Skulpturen zwar in alle Welt, doch arbeiten sie weiterhin hauptsächlich für die Ausstattung von Tempeln und öffentlichen Gebäuden. Allein das Gewicht der Skulpturen hat verhindert, daß sich ein am Geschmack der Touristen orientierter Stil entwickelte. Balis Steinmetze arbeiten nach traditionellen Vorbildern.

Die Künstler in Celuk, dem nächsten Ort auf dem Weg nach Ubud, stellen überwiegend Schmuck für westliche Touristen her - mit Erfolg, wie die riesigen Villen entlang der Straße beweisen. "Supermärkte" für Silberschmuck bieten Ohrringe, Ringe, Armreifen, Halsketten und Broschen an, gefertigt in balinesischem und westlichem Stil.

In Sukawaki kann man sich dagegen mit allgemeinem Tempelbedarf wie Opferkörben, Tempelschirmen und Fächern eindecken. Einen Besuch wert ist auch der "Art Market" mit seinem überwältigenden Angebot von Kunsthandwerk aus ganz Bali. Nur wenige wissen, daß in dem Dorf auch die Meister des indonesischen Schattenspiels (Dalang) wohnen.

Maskenschnitzer sind in Mas zu Hause, wo sie bunte Souvenirs ebenso herstellen wie hochwertige Kunstwerke aus edlen Hölzern, die in museumsartigen Ausstellungsräumen zu vierstelligen Dollarpreisen angeboten und in alle Welt verschickt werden.

Peliatan, der letzte Ort in diesem Reigen, ist fast mit Ubud zusammengewachsen. Neben allerlei Geschäften und einer berühmten Tanzgruppe beherbergt das Dorf die riesige Agung Rai Galerie mit einer gewaltigen Gemäldesammlung. Besonders der unverkäufliche Teil der Ausstellung ist sehenswert, unter anderem hängt hier ein echtes Gemälde des Malers Spies. Der Galerie ist eine Malschule angegliedert, in der Kinder aus der Umgebung unterrichtet werden.

In Petulu, einem traditionellen Dörfchen nördlich von Ubud, nisten unzählige weiße Reiher in den riesigen Bäumen entlang der Straße. Einige Kilometer weiter werden in Tegallalang bis zu drei Meter hohe Garudastatuen aus bestem Holz für Hotelhallen in der ganzen Welt geschnitzt.

In Pujung haben sich Künstler auf die naturgetreue Nachbildung von Bananenbäumen, Kokospalmen, Kakteen, Blumen und Gemüse aus Holz spezialisiert.

Zwischen Pujung und Tegallalang befinden sich grandiose Reisterrassen, die natürlich längst von Touristen entdeckt worden sind. An der schönsten Stelle haben Fotografen bereits einen Platz freigetreten, und Händler bieten kühle Getränke, Schnitzereien und gehäkelte Tischdecken an.

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