September 11, 2001

Bali Literatur: ZWISCHEN HAHNENKAMPF UND TRANCE

Margaret Mead (1901-79) unternahm zahllose Forschungsreisen ins Feld – unter anderem nach Samoa, Neuguinea und den Admiralitätsinseln – und veröffentlichte mehr als 20 Bücher äber die Ergebnisse ihrer Untersuchungen. Die Kulturanthropologin und ihr Ehemann Gregory Bateson (1904-80) entdeckten Bali für sich in den 30er Jahren, wo sie in Bayung Gede (unweit von Batur), Bangli und Batuan lebten.

"Die Häuser waren verhältnismäßig klein, doch sehr schön gebaut und zusammengefügt, die Tempel bestanden zum größten Teil aus terrassierten offenen Höfen und kleinen Schreinen, in denen Hindu- und Vorhindugötter gemäß einem höchst komplizierten Kalender verehrt wurden. Die Priester und Schreiber verstanden die Kunst, in einer alten Schrift auf Blättern, die aus Palmblättern herausgeschnitten wurden, zu schreiben. [...] Die Künste, vor allem das Tanzen, die Musik und das Theater waren hervorragend entwickelt, und ein großer Teil der Zeit einer Bevölkerung, deren entrückt-traumartiges Verhalten sich mit einer Fähigkeit zu fast endloser, unermüdlicher Aktivität verbindet, wurde auf die Vorbereitung einer dramatischen Zeremonie nach der anderen verwendet. Das Spielen, das vor allem um die Hahnenkämpfe kreiste, stand hoch in Blüte; das Trinken kam trotz der leicht zur Verfügung stehenden berauschenden Getränke selten vor. Trancezustände, Wahrsagen und kalendarisch festgelegte Rituale spielten alle im religiösen Leben ihre Rolle, das jedes einzelne Ereignis des täglichen Lebens auf Bali durchsetzte, von dem kleinen Opfer, das man nach jeder Mahlzeit darbringt, bis zu den Zeremonien der Fürsten, die Hunderttausende von Gulden kosten konnten. Trotz der auffälligen Unterschiede im Zeremoniell und Symbolismus zwischen Fürst und Bauer, Brahmanenpriester und lokalem Dorftempel-Geistlichen, zwischen dem rauhen Handwerker aus den Bergen und dem Künstler der Ebene, stand ein großer Teil des balinesischen Lebens jedermann offen. Und wenn wir auch extreme und in jede Einzelheit reichende Unterschiede zwischen verschiedenen Teilen Balis, zwischen dem formellen Betragen verschiedener Kasten oder zwischen verschiedenen Priestersekten finden, so scheint doch die Charakterstruktur recht gleichförmig zu sein, mit nur kleinen Unterschieden zwischen den Einwohnern des einen Dorfes, die niemals in Trance fallen und dem anderen, in dem fast jedermann in Trance fällt."

Margaret Mead, Mann und Weib (1949), Übersetzt von Arnim Holler, Rowohlt, Reinbek 1985

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