September 11, 2001

Bali Literatur: FAMILIENSTREITIGKEITEN

I Gusti Putu Arya Tirtawirya stammt aus einer balinesischen Familie, die auf Lombok lebt. Der Romanautor und Essayist führt uns in den geschlossenen Kosmos des Familienverbundes und beschreibt dem Leser eine andere Facette Balis, die nichts zu tun hat mit der friedlichen und harmonischen Welt, von der normalerweise erzählt wird. In dem Bild, das er von Bali zeichnet, beeinflussen eine übertriebene Empfindlichkeit, die Sorge um den wohlanständigen Schein und den Klatsch die Gesamtheit aller sozialen Beziehungen, besonders innerhalb der einzelnen Großfamilie. Daher rühren die häufigen häuslichen "Kriege", die gewissermaßen der Preis für den öffentlichen Frieden sind.

”In dem umfriedeten Gehöft der Familie markierte der Wohnbereich von Großmutter die Grenze zwischen den beiden Zweigen der Familie. [...] Man konnte das Haus reit der Form eines Vogels mit großen Schwingen vergleichen, wobei der Wohnbezirk von Großmutter den Körper darstellte, vom Kopf bis zum Schwanz, während die Höfe der Familien ihrer beiden Töchter die beiden Flügel bildeten, der von Rai im Westen und der von Raka im Osten. Mit zunehmendem Alter war Großmutter immer häufiger krank. Überdies schien die gespannte Atmosphäre, die die Stimmung im ganzen Haushalt färbte, ihr aufs Gemüt zu schlagen. Diese Spannung war entstanden, als sich das Gerücht durch den ganzen Haushalt verbreitete, daß einer der Söhne von Rai sich in Unkosten für die Sechs-Monatsfeier seines Babys stürzen wollte: Er wollte ein Schauspiel kommen lassen und ein Festmahl mit einem frisch geschlachteten Schwein geben. Die Bande, die so lange die Familien der beiden Töchter verbunden hatten, begannen sich zu lockern, als das Gerede betreffs der Vorbereitung der Feierlichkeiten in den Ostflügel, zur Familie von Raka, gelangten. »Sie sagen, daß ein einziger Tropfen verschütteten Indigos einen ganzen Eimer Milch sauer werden lassen kann.«. So gelangte die Nachricht schließlich auch bis zu Gusti Ayu Rai. Ihre Augen – oder vielmehr ihr Herz – begannen zu brennen, denn das Problem der geplanten Feier war ein Thema, das mit ihrer Ehre als Mutter zu tun hatte. Natürlich wußte Gusti Ayu Rai, daß einige Monate zuvor, noch vor der Geburt des Babys, dessen sechster Monat jetzt gefeiert werden sollte, der Vater des Kindes in einem Nachbardorf beinahe gelyncht worden wäre. Es schien so, als habe der Sohn von Rai eine große Summe bei einer Hahnenkampfwette verloren. Daraufhin hatte er sich das Moped eines Freundes ausgeliehen und es versetzt, in der Hoffnung, das Geld dazu benutzen zu können, das Verlorene zurückzugewinnen. Aber offensichtlich hatte er ein zweites Mal verloren und es mehrere Tage lang geflissentlich vermieden, sich zu zeigen, aus Furcht vor der natürlich erwartbaren Strafe. Der Besitzer des Mopeds hatte dieses tagelang gesucht, wobei seine Wut in dem Maße wuchs, in dem ihn die Sucherei nach dem Sohn von Rai ermüdete. Schließlich erwischte er ihn in einem benachbarten Dorf und nahm ihn sofort zur Brust. Die Menge, die herbeigerannt war, fieberte vor Ungeduld, sich zu schlagen, und hatte begeistert die Gelegenheit ergriffen, sich gegen den Sohn von Rai zusammen-curotten, und ihn beinahe zu Tode geprügelt. Großmutter wußte, was die Familie von Raka von ihr erwartete. Sie hofften, daß sie ihre Autorität als Mutter dazu gebrauchen würde, den Sohn von Rai hinauszuwerfen. Es schien ihnen, als ziehe er das Unglück an; es war doch offensichtlich, daß sein Karma ihn in diese mißliche Situation gebracht hatte. Oder wie hätte man sonst solche Vorkommnisse erklären können?"

I Gusti Putu Arya Tirtawirya, Grandmother (1973), Balai Pustaka, Jakarta, Übersetzt von Gabriele Kalmbach

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