September 11, 2001

Bali Literatur: DIE LANDSCHAFT

Vicki Baum (1888-1960) wurde durch ihren verfilmten Roman »Menschen im Hotel« (1929) bekannter als durch »Liebe und Tod auf Bali«. Dennoch besitzt auch dieses Buch alle Elemente eines spannenden exotischen Romans: das balinesische, als paradiesisch geschilderte Milieu und das tragische Ende des Königreichs von Badung. Überdies sind historische Hintergründe und Milieuschilderungen der 1906 angesiedelten Handlung von Vicky Baum sorgfältig recherchiert.

"Das Leben von Bali zog an ihnen vorbei. Reisfelder in gerundeten Terrassen taten sich auf und falteten sich wieder zusammen und glitten zu den tiefen Schluchten hinab, in denen Flüsse über Felsen strömten. Palmenhaine krönten die Bergrücken, die in Schichten hintereinanderlagen, bis zum Großen Berg, dessen Gipfel zwei langgestreckte, weiße Wolken verhüllten. Die riesigen, dunklen Kuppeln der Wairinginbäume traten aus dem Edelsteingrün der Felder, und grau-rote Tempelpfosten standen unter ihnen auf. Quellen schossen aus dem Grund und strömten in Bambusrohre ein, um zu den Sawahs geleitet zu werden. Bambusgebüsche schlossen sich in schönen Bogen über schmalen Bächen zusammen, und 'darunter war es kühl und dunkel und geheimnisvoll. Graue Büffel schliefen in den Wassergräben hinter den Dörfern. Kinder mit großen Hüten und nackten Gliedern trieben Entenherden über die Feldraine. Heubündel wanderten dahin, so groß, daß man die Männer, die sie trugen, nicht sehen konnte. Greise mit Gesichtern wie Tanzmasken marschierten dahin mit Stöcken in den Händen und der Sirihtasche im Gürtel. Frauen kamen vom Feld und vom Markt, sie trugen Körbe auf dem Kopf oder Reisgarben oder Türme von Kokosnüssen oder endlose Lasten von Tonkrügen. Ihr Gang war steil und gleichmäßig geworden durch das Tragen, und ihre Brüste und Schultern waren zart und kraftvoll zugleich. Hinter ihnen folgten die Töchter mit immer kleineren Bürden auf dem Kopf, und die Sechsjährigen balancierten nur eine halbe Kokosnußschale, mit Wasser gefüllt, über ihren ernsthaften kleinen Stirnen, um das Tragen rechtzeitig zu erlernen. An den Feldrändern hockten Bauern und rasteten von der Arbeit, und in den Bächen standen andere und wuschen sich und ihre Kühe. Und alle diese Menschen waren schön und stark und ebenmäßig, und in ihren Gesichtern standen Sanftheit und Vertrauen und Freundlichkeit. Die Landschaft aber wurde schöner und schöner, je höher sie kamen, mit den tausend Spiegeln der bewässerten Reisfelder in den Tälern und den seidenen Abhängen des Alang-Alang-Grases; die wie bewegtes Wasser aussahen, wenn der Wind darüberstrich. Und mit den köstlichen Linien der Hügel und Berge und mit kleinen Inseln, die aus der Hochfläche aufstiegen, gekrönt jedes Inselchen von seinem Tempel unter dem Wairinginbaum. Ungezählte Vögel sangen, und rotbrüstige Bergpapageien flitzten über den Weg. Weiße Falken mit braunen Schwingen hingen groß in der Luft, und immer wieder wechselte der Wald, mit seinem Dunkel und seinen Lianengehängen und dem Gurren der großen Wildtauben, ab mit Dörfern, in denen Menschen vor ihren Pforten kauerten und großäugig auf die fremden Reiter schauten. Über den begrasten Dorfstraßen schlossen die Fruchtbäume und Palmen der Höfe sich zusammen, und an den Wegkreuzungen standen die steinernen Gestalten von Dämonen, um den Weg der Wanderer zu beschützen. Und überall, überall war die Stimme des Wassers zu hören, die gesegnete Stimme, die die Insel mit Fruchtbarkeit überfloß. [...] Denn so hatten die Götter es bestimmt: daß die Insel ihnen gehörte und den Menschen nur als Leihgabe gegeben war, damit sie den Boden fruchtbar machen sollten und die Erde reich genug, um alle zu ernähren und Feste zu feiern und des Lebens froh zu sein."

Vicki Baum, Liebe UND Tod AUF Bali (1937), Kiepenheuer & Witsch, Köln 1965, 1984

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