September 11, 2001

Bali Literatur: DIE INSEL DER GÖTTER

Ein Jüngling heiratet eine Himmelsfee, und – wie immer im Märchen – bedeutet das für einen, der die Erde bewohnt und sein Reisfeld bestellt, ein unerwartetes Glück. Von nun an muß er nicht mehr in mühseliger Arbeit sein Brot verdienen, denn die Ehefrau sorgt auf geheimnisvolle Weise dafür, daß sich die Reisvorräte nicht verringern. Doch die Neugier (anders als im europäischen Märchen die des Mannes!) bewirkt, daß die Fee in den Himmel zurückkehrt und der Jüngling wieder das Feld bewässern, pflanzen und ernten muß. Doch zunächst überlistet er die Himmelsfee:

"Irgendwo in einem Gebirge der zauberhaften Insel Bali lebte einst ein Jüngling, dessen Herz heiß für die Natur seiner Heimat schlug. [...]. Unser Jüngling war noch nicht verheiratet. Er liebte die freie Natur, die Pflanzen und Bäume. Das Land, das sein Haus rings umgab, bepflanzte er mit bunten, süßen Duft verströmenden Blumen. Um die Pracht seines duftenden, vielfarbigen Blumengartens noch zu erhöhen, legte er einen Teich darin an, staute ein Flüßchen und leitete dessen Fluten zu diesem Teich. Nun gab es dort immer klares Wasser. Kurzum, der Garten dieses Jünglings stellte einen wahrhaft erholsamen Ort dar, der das Herz auf das höchste erquickte. Darinnen gediehen in üppiger Fülle vielerlei Blumen in allen Farben mit herrlichem Duft. Es gab mehrere Arten von Jasmin, rote und weiße Rosen, verschiedene Orchideen, auch Bäume mit wohlriechenden Blüten und andere Pflanzen. Der Anblick des Agung hob die Schönheit des Gartens, der dem Jüngling gehörte, noch hervor. Denn während man sich dort erholte und erfreute, konnte man auch den Sitz der Götter bewundern. Von jenem Garten des Jünglings erschaute man den Berg, den alle Balinesen hoch verehren, in seiner ganzen Erhabenheit. Eines Abends, als der volle Mond seinen goldenen Schimmer über die Natur breitete, drang der Duft der bunten Blumen aus dem Garten des Jünglings bis hinauf zu einer schönen Himmelstochter namens Supraba. Die hübsche Fee späh- te hinunter, und ihr heller Blick wurde von dem Reiz des Teiches im Garten des Jünglings angezogen, der unter den Goldstrahlen der hehren Mondgöttin schimmerte und glänzte. Dieser Anblick fesselte die Fee Supraba so sehr, daß sie ihre Schwestern und Gespielinnen bat, mit ihr gemeinsam in den Garten des Jünglings hinabzueilen. Auch den anderen Himmelstöchtern gefiel der Garten in seiner Pracht, und der Anblick des Teiches und seiner Umgebung lockte sie wirklich sehr. Sie alle eilten hinab zum Ufer des Teiches, denn sie konnten dem Wunsch nicht länger widerstehen, in dem klaren, kühlen Wasser zu baden. Die Schönen streiften ihre Himmelsgewänder ab und legten sie über die Sträucher, die rings den Teich umgaben. Sie badeten, scherzten und spielten in dem wunderhübschen Teich. Danach pflückten sie Blumen, die in reicher Fülle im Garten wuchsen, und schmückten damit ihr aufgestecktes Haar, so daß sie noch lieblicher anzusehen waren. Schließlich schlüpften sie wieder in ihre Himmelsgewänder, flogen auf und kehrten zurück zum Himmel. Am folgenden Tag verwunderte sich der Jüngling sehr darüber, wie er seinen Garten vorfand. Viele der Blumen waren abgepflückt, und er konnte sich nicht vorstellen, wer das wohl getan hatte. Die Himmelsjungfrauen freuten sich sehr über den herrlichen Badeplatz. ' Deshalb 'kamen sie seit jenem ersten Mal allabendlich herunter in den Garten des Jünglings, um dort zu baden und miteinander fröhlich zu sein. Und immer, bevor sie zum Himmel zurückkehrten, pflückten sie Blumen und schmückten damit ihre Haarknoten. Aber allmorgendlich verwunderte sich der naturliebende Jüngling, wenn er gewahrte, daß man seine Blumen gestohlen hatte, obgleich er sich nicht denken konnte, wer denn diesen Diebstahl beging. Eines Abends entschloß er sich, aufzupassen und herauszufinden, wer jede Nacht die Blumen stahl, die er mit so vielen Mühen zog. Deshalb verbarg er sich im Gebüsch, das den Teich umstand. [...] Der Jüngling beobachtete, wie die Feen ihre Himmelsgewänder abstreiften und sie auf die Büsche am Teich legten. Sodann sprangen sie ins Wasser hinein, badeten, plantschten und vergnügten sich darin im hellen Schein des Vollmondes. Der Jüngling konnte sie deutlich sehen und ebenso genau erkennen, wohin eine jede von den Feen ihr Himmelsgewand gelegt hatte. Eine der Himmelstöchter, die lieblichste von allen, gefiel ihm besonders gut, und er beschloß, ihr Gewand wegzunehmen.”

Aryo Menak Heiratet eine Himmelsfee, Herausgegeben und übersetzt von Renate und H-H Lödel, Reclam, Leipzig 1977

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