September 11, 2001

Bali Literatur: DER BAMBUSPRINZ

Die Geschichte vom Bambusprinzen ist nicht nur in Indonesien, sondern in ganz Südostasien und auch in Japan verbreitet. Im allgemeinen handelt es sich dabei um Ursprungsmythen einzelner Herrscherhäuser, die ihre Entstehung auf einen aus einem Bambustrieb entstandenen Menschen zurückführen.

"Eines Tages ging ein anmutiges Mädchen in den Wald, um ein Bambusrohr, in dem sie Reis kochen konnte, abzuschlagen. Als sie sich das größte Bambusrohr zum Fällen ausgesucht hatte, klopfte sie erst mit dem Rücken des Haumessers an den Stamm, den sie abschlagen wollte. Da hörte sie plötzlich innen aus dem Rohr eine Stimme kommen: "Fälle dieses Rohr nicht!" – "Nein, dieses Rohr muß ich abschlagen", erwiderte das Mädchen. »Bitte habe Gnade mit mir, fälle dieses Rohr nicht", sprach die Stimme weiter. Das Mädchen antwortete wieder: "Wenn ich dieses Rohr nicht fälle, werde ich bestimmt vor Hunger sterben, denn ich habe kein irdenes Geschirr zum Kochen." Da sprach die Stimme weiter und sagte: "Wenn du dieses Rohr abschlagen willst und ich nicht sterben soll, dann tu es unter diesen Bedingungen: Zähle die Knoten von unten und schlage das Rohr beim zweiten Knoten ab. Schlage nicht beim - dritten Knoten ein, denn dort sind meine Füße. Beim vierten Knoten ist mein Kopf, und wenn ich dazwischen abgeschlagen werde, muß ich auf jeden Fall sterben." – "Gut, ich werde deine Bedingungen beachten", antwortete das Mädchen. Sie hieb das Rohr ab und es stürzte zu Boden. "Ach, wie bin ich mitgenommen, weil du mich nicht aufgefangen hast", sagte jetzt die Stimme wieder. "Das hast du vorhin bei deinen Bedingungen nicht gesagt", antwortete das Mädchen. "Wenn es so ist, dann ist es schon gut", sprach die Stimme jetzt weiter. "Du bist ein Mädchen, das weiß Befehle auszuführen. Höre jetzt weiter zu. Vierteile jetzt den Bambus bis zum siebten Knoten. Danach halbiere ihn. Spalte ihn aber nur mit den Händen und auf keinen Fall mit dem Messer, sonst werde ich verletzt und muß sterben." Als das Mädchen zum achten Knoten gekommen war, hörte es wieder die Stimme rufen: "Ach, meine Haare." Die Hände des Mädchens waren aufgerissen und verletzt. "Ich will nicht weiterspalten, meine Hände sind verletzt", sagte das Mädchen. "Spalte ihn nur weiter, dann wird meine Strafe erfüllt sein. Deine Verletzungen werden dir noch einmal zugute kommen, wenn du mit dem Spalten fertig bist", antwortete die Stimme. Das Mädchen fuhr mit dem Spalten fort, und aus dem Rohr kam ein Jüngling von heldenhaftem Aussehen hervor. Seine Größe entsprach jedoch lediglich der Höhe eines Bambusabschnittes. Der Jüngling sagte zu dem Mädchen: "Weil du mir geholfen hast, solltest du mich eigentlich auch heiraten." – "Nein, ich will dich nicht heiraten, denn du bist ja nur so groß wie ein Bambusabschnitt", antwortete das Mädchen. "Wenn du mich nicht heiraten willst, küsse mich nur einmal auf meinen Kopf. Das reicht dann schon", sprach jetzt der Jüngling. "Wenn es so ist, dann gut", sagte das Mädchen. Sie küßte den Jüngling, und nachdem sie ihn geküßt hatte, wurde er so groß wie ein gewöhnlicher Mensch. Sie heirateten und kehrten in das Kampong zurück.

Als die Dorfbewohner den Bambusprinzen mit seiner frisch angetrauten Frau kommen sahen, wurden sie böse und wollten das Paar fangen. Da hob der Bambusprinz seine Hand, und alle Leute fielen ohnmächtig nieder. Als das Volk von Pakuli seine magische Kraft erkannte, wurde es wieder einig und beschloß, den Bambusprinzen zum Raja zu machen. Seine Frau, die ja aus dem gewöhnlichen Volk stammte, erhob man in den Adel."

Indonesische Märchen; HERAUSGEGEBEN UND ÜBERTRAGEN VON Ernst Ulrich Kratz, Diederichs, Düsseldorf, Köln 1973

Keine Kommentare: