September 11, 2001

Bali Literatur: DER BALINESISCHE CHARAKTER

Sir Thomas Stamford Raffles, britischer Gouverneur von “Ostindien” (1811-16), gilt als Begründer der "Javanologie". Fasziniert von der indo-buddhistisch geprägten Geschichte Javas, interessierte sich Raffles auch für die Nachbarinsel Bali, in der er die Bewahrerin aus Indien importierter Traditionen sah und die eine günstigere Zukunft erwarten dürfte als Java. Seiner Überzeugung widersprachen die Niederländer zwar, aber das Bild einer fossilen Kultur haftete Bali lange Zeit an.

"Ihre Gelassenheit gegenüber der Unterdrückung, der sie ausgesetzt sind, ihre gute Laune und ihre so offensichtliche Zufriedenheit ebenso wie ihre Lebhaftigkeit und ihre größere Tatkraft verleihen ihrem Gesicht, von Natur aus ehrlicher und ausdrucksvoller als das der Javanesen, mehr Geist, mehr Unabhängigkeit und mehr Männlichkeit als irgendeinem ihrer Nachbarn. Sie sind aktiv und unternehmenslustig und haben weder jene Gemächlichkeit noch jene Gleichgültigkeit, die man an den Bewohnern von Java beobachten kann. Ihre Bewegungen wirken abrupt, ungezwungen, vulgär und stoßen den Fremden zunächst ab; aber dieser Eindruck verliert sich, je besser man sie kennenlernt, und ihre Offenheit flößt gegenseitiges Vertrauen und Respekt ein. Vor allem die Frauen, die hier vollkommen gleichberechtigt zu den Männern leben und von denen keine schweren und entwürdigenden Arbeiten verlangt werden, wie man sie ihnen auf Java aufbürdet, sind offen und aufrichtig. Mit ihren Verwandten sind ihre Umgangsformen freundlich, respektvoll und wohlanständig. Tatsächlich hat wohl das weibliche Geschlecht auf Bali vergleichsweise mehr Würde und Ansehen zu erwerben vermocht, als man an einem Ort hätte erwarten können, wo seit langer Zeit die Polygamie herrscht. Das Verhalten der Balinesen Kindern gegenüber ist sanft und freundlich, wofür sie mit Fügsamkeit und uneingeschränktem Gehorsam entgolten werden. Ihren Oberen gegenüber legen sie respektvolle Ehrerbietung an den Tag: Mit ihnen verkehren sie fast auf gleichem Fuß und, da sie nicht abhängig sind, huldigen sie ihnen wenig. Die so verächtliche Unterwürfigkeit Asiens geht bei ihnen über den notwendigen Gehorsam gegenüber einer unerläßlichen Autorität nicht hinaus. Ihr Fürst ist in ihren Augen heilig und erhält uneingeschränkten Gehorsam; aber ihr Charakter hat sich durch die zahllosen geforderten Gesten der Unterwerfung nicht verändert, genauso wenig wie ihre Sitten durch den häufigen Kontakt mit Höhergestellten verfeinert wurden. Daher wird ein Europäer, der an die feinen und geradezu eleganten Umgangsformen der Javanesen oder auch an die allen Malaien eigene Höflichkeit gewöhnt ist, überrascht sein von den rohen und unhöflichen Sitten, ohne jede Förmlichkeit, der Bewohner von Bali."

Thomas Stamford Raffles, The History OF Java (1817) ÜBERSETZT VON Gabriele Kalmbach

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