September 11, 2001

Bali Literatur: DAS RITUAL DES SCHWURWASSERS

Gusti Njoman Pandji Tisna (1908-78), der aus der königlichen Familie von Buleleng I stammt, gehört zur ersten Generation moderner indonesischer Schriftsteller. »Ni Rawit« (1935) erzählt die Geschichte einer Balinesin im 19. Jahrhundert, einer Kupplerin und Sklavenhändlerin. In dieser Epoche hatten die Niederländer Bali noch nicht vollständig unterworfen, verfügten aber bereits über einen Agenten namens Purre Dubois in Kuta, der beauftragt war, Batavia (das heutige Jakarta) mit Sklaven zu versorgen. Die Zeremonie, von der im Text die Rede ist (cor oder macor) garantierte die Gültigkeit und Wahrheit eines Schwurs. Das Ritual wird noch immer praktiziert, etwa um Streitigkeiten um Grund und Boden zu schlichten.

"Die beiden Männer gingen auf den Tempel zu, dabei sich nach links und rechts umschauend, ab der Mann, den sie suchten, unter den Passanten sei. Als sie ange- kommen waren, suchten sie sich einen Platz in einer vor Blicken geschützten Ecke. Mit dem voranschreitenden Tag strömten auch immer mehr Menschen herbei. Bald erschien auch Anak Agung Made Pamecutan, der Herr des westlichen Teils des Reiches von Badung. Nachdem er die lokalen Würdenträger begrüßt hatte, ließ er alle anwesenden Personen im Tempel zusammenkommen und begann sie zu befragen. Aber niemand wollte zugeben, ein Haus niedergebrannt zu haben, und weniger noch den Besitz des Hafenkommandanten oder eine Kassette von einem chinesischen Händler gestohlen zu haben. Wütend ordnete der Fürst an, daß alle Personen, die älter als zehn Jahre waren, cor, das Schwurwasser, trinken sollten, um zu beweisen, daß sie unschuldig seien. Der hohe Brahmana-Priester, aus dessen Gesichtsausdruck-außerordentliche Mißbilligung sprach, fügte hinzu, das Dorf Kuta sei verschmutzt und vergiftet. Die Götter, sagte er, hätten Kuta den Rücken gekehrt, verjagt vom Lärm und der ständigen Unordnung, von den Verbrechen, die von kleinen Gaunereien,bis zu schweren Diebstählen reichten, ebenso wie von den alltäglichen Schlägereien und . den häufigen Morden. Auch wenn schon diese Worte Furcht in ihre Herzen senkten, so würde doch nur durch das cor-Trinken Kuta gereinigt, von den Dämonen und den bösen Geistern, die sich hier eingenistet hatten, befreit werden können. Jeder einzelne der versammelten Menschen trat vor, um seinen Schluck cor aus einem Banian-Blatt zu trinken. I Kerta und sein Freund beobachteten ihre Gesich- ter. Aber I Lempod war nirgendwo zu erblicken. Schließlich tranken auch sie, setzten sich dann wieder, nahe beim Alarmgong des Dorfes und unweit von Anak Agung und Monsieur Dubois. Einer nach dem anderen tranken die Dorfbewohner ihren Teil cor und kehrten nach Hause zurück. Nachdem das Ritual beendet war, gab Nang Rame I Kerta ein Zeichen, daß auch sie nach Hause zurückkehren dürften, denn offensichtlich war der Mann, den sie suchten, nicht unter denjenigen, die an diesem Tag zum Tempel gekommen waren."

I Gusti Njoman Pandji Tisna, Nl Rawit (1935), Balai Pustaka, Jakarta, übersetzt von Gabriele Kalmbach

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